Simon Schmidt: "Das Spiegelbild unserer Gesellschaft"

Mit gerade einmal 20 Jahren ist Simon Schmidt vom TSV 1904 Feucht neuer Lehrwart der Schiedsrichtergruppe Neumarkt. Er spricht über seine persönlichen Ziele, über mangelnden Respekt und er erklärt, wie der Bayerische Fußball-Verband versucht, dem Schiedsrichtermangel entgegenzutreten.

 

Außerhalb des Fußballplatzes studiert Simon Schmidt Ressortjournalismus an der Hochschule Ansbach, auf dem Rasen legt er eine steile Karriere hin. Seit Kurzem ist er zuständig für die Aus- und Weiterbildung der Schiedsrichter im Kreis.

 

Simon, wie würdest Du das Amt des Lehrwarts beschreiben?

 

Schmidt: Ich stehe viel mit den Gruppenschiedsrichtern im Austausch, kümmere mich um Fort- und Weiterbildungen der Schiedsrichter und bin unter anderem für den Neulingslehrgang zuständig. Auch halte ich Kontakt zu den Schiedsrichtern, wenn es beispielsweise Meldungen gibt.

 

Hast Du vorher gewusst, was und vor allem wie viel auf Dich zukommen wird?

 

Schmidt: Ich habe es bereits bei meinem Vorgänger mitbekommen und hatte schon damit gerechnet, dass es zu Beginn recht stressig werden kann. Momentan führe ich täglich viele Telefonate, auch nimmt die Organisation des Neulingslehrgangs sehr viel Bürokratie in Anspruch. Es gibt viel zu tun, aber ich mache es gern.

 

Welche Qualifikation muss man vorweisen, um Lehrwart zu werden?

 

Schmidt: Man braucht eine gute Regelkenntnis und man sollte den Willen gezeigt haben, Zeit zu investieren, um sich selbst fortzubilden. Darüber hinaus ist es hilfreich, ein kommunikativer Typ zu sein, weil man viel im Austausch steht. Auch ein Referat vor rund 100 Menschen sollte man halten können.

 

Du selbst hast mit zwölf Jahren angefangen, Fußballspiele zu pfeifen. Wirst Du trotz deiner neuen Aufgabe künftig weiter pfeifen können?

 

Schmidt: Ich habe im vergangenen Kalenderjahr über 70 Partien geleitet, mein Ziel ist es, weiter zu pfeifen und aufzusteigen. Aktuell pfeife ich im Herrenbereich Kreisklasse, in den nächsten Jahren möchte ich in die Kreis- beziehungsweise Bezirksliga kommen.

 

Du besuchst regelmäßig die Spiele des SC Feucht. Reizt Dich die Bayernliga nicht?

 

Schmidt: Klar würde ich zur Bayernliga nicht Nein sagen. Aber man muss realistisch sein und sämtliche Faktoren betrachten. Der BFV beispielsweise muss Schiedsrichter mit 25 oder 26 Jahren in den Perspektivkader für die 3. Liga nominieren. Das heißt, dass sie da bereits Regionalliga pfeifen müssen. Das verdeutlicht, dass ich trotz meiner 20 Jahre fast schon zu lange gebraucht habe.

 

Zuletzt war immer wieder von akutem Schiedsrichtermangel zu lesen. Wie ernst ist die Situation?

 

Schmidt: Vorne weg können wir sagen, dass wir es geschafft haben, den ganz großen Einbruch aufzufangen. Dennoch ist die Entwicklung in den vergangenen Jahren nicht positiv. Wir haben jedes Jahr mehr Austritte als Eintritte, daher stimmt es, dass es immer weniger Schiedsrichter werden. Die Schiedsrichter mit den meisten Partien im vergangenen Kalenderjahr sind 50 Jahre oder älter. Sie tragen eine hohe Last an Spielen. Wenn sie uns wegbrechen, kann es zum großen Problem werden. Wir sind einfach auf Nachwuchs angewiesen.

 

Wie will der Bayerische Fußball-Verband neue Schiedsrichter gewinnen? Welche Maßnahmen werden ergriffen?

 

Schmidt: Dazu haben wir eine große Umfrage unter den Schiedsrichtern gemacht. Herausgekommen sind zwei große Kritikpunkte: der fehlende Respekt gegenüber Schiedsrichtern und eine zu gerine Aufwandsentschädigung. Vor allem bei der Entschädigung soll sich künftig etwas tun. Darüber hinaus haben wir verschiedene Projekte am Laufen. In Nürnberg beispielsweise wurde zuletzt die Sportplatz-Etikette verabschiedet, dazu versuchen wir, junge Leute über die sozialen Medien zu erreichen. Auch soll künftig jede Schiedsrichtergruppe Neulingskurse anbieten.

 

Bleiben wir bei der Aufwandsentschädigung: Wie setzt sich die derzeit genau zusammen?

 

Schmidt: Es gibt festgeschriebene Schiedsrichterspesen. Ein Assistent in der Kreisliga bekommt 15 Euro, ein Schiedsrichter eines A-Jugendspiels 20 Euro. Ein Kreisklassenspiel bringt 25 Euro, ein Kreisligaspiel 30 Euro. Aber für den Schiedsrichter ist es ja nicht mit den 90 Minuten getan. Wir sollen eine Stunde vorher da sein, haben dann das Spiel samt Halbzeit, anschließend noch die Pflege des Spielberichts. Bedenkt man, dass für einen Schiedsrichter pro Partie rund vier Stunden draufgehen, ist das einfach zu wenig. Daran ändert auch der Fahrtkostenersatz von 30 Cent pro Kilometer nichts.

 

Bemängelt wird von Verbandsseite auch die Tatsache, dass immer weniger Vereine ausreichend Schiedsrichter stellen. Was kannst Du dazu sagen?

 

Schmidt: Jeder Verein muss ein gewisses Soll erfüllen und einen Schiedsrichter pro gemeldeter Herrenmannschaft stellen, dazu zählt auch die A-Jugend. Mein Heimatverein, der TSV 1904 Feucht, muss daher drei Schiedsrichter stellen: Einen für die Erste, einen für die Zweite und einen für die A-Jugend. Wichtig dabei ist aber: Ein Schiedsrichter ist erst dann auch anrechenbar, wenn er pro Kalenderjahr mindestens zwölf Spiele gepfiffen und vier Schiedsrichtersitzungen besucht hat. Wenn er das nicht geschafft und das Soll daher nicht erfüllt hat, werden Strafen fällig.

 

Wie hoch fallen diese Strafen aus?

 

Schmidt: Pro Schiedsrichter sind es rund 100 Euro Strafe. Die Strafen werden allerdings höher, je länger das Soll unterschritten wird. Im vergangenen Jahr kamen so allein bei uns im Kreis fünfstellige Beträge an Ausfallgebühren zustande. Es wird daher auch überlegt, diese Strafen künftig anzuheben. Auch ein möglicher Punktabzug ist im Gespräch, sollten Verein ihr Schiedsrichtersoll nicht erfüllen. In anderen Landesverbänden gibt es den Punktabzug bereits.

 

Wirft man den Vereinen damit nicht Knüppel zwischen die Beine? Sie können sich ja schlecht Schiedsrichter schnitzen.

 

Schmidt: Das stimmt natürlich. Aber hier muss man sagen, dass es Vereine gibt, die ihr Soll vorbildlich erfüllen und die viel für ihre Schiedsrichter im Verein tun: Manche werden beitragsfrei gestellt, andere bekommen die Ausgaben für die Ausstattung bezahlt. Es gibt aber auch Vereine, in denen die Schiedsrichter total auf sich alleine gestellt sind. Die Vereine dürfen sich dann nicht wundern, wenn ein Schiedsrichter den Verein wechselt.

 

Abschließend zum Thema Respekt: Auch hier ist immer wieder von einer Verrohung zu hören, immer weniger Respekt würde den Unparteiischen entgegengebracht. Kannst Du das bestätigen?

 

Schmidt: Natürlich gibt es krasse Einzelfälle, pauschal bestätigen kann ich das aber nicht. Ich habe in rund 300 Spielen, die ich bisher gepfiffen habe, zwei Vorfälle erlebt, die bedenklich waren. Einmal war es eine verbale Attacke, einmal eine körperliche Bedrohung. Einmal in einem A-Jugendspiel, einmal bei der C-Jugend. Ganz ehrlich: Wenn sich 14-Jährige so verhalten, wie es in diesem Spiel der Fall war, dann ist grundsätzlich etwas in der Erziehung schiefgelaufen. In den allermeisten Spielen läuft es sportlich und auch freundschaftlich ab. Klar gibt es Meinungsverschiedenheiten, die gehören aber doch auch dazu. Wichtig ist, dass es hinterher wieder gut ist. Ich habe gelernt, dass Kommunikation viel hilft. Wenn man als Schiedsrichter richtig kommuniziert, wird einem auch mehr verziehen. Lehrer und Polizisten berichten Ähnliches aus ihrem Alltag. Fußball ist nun einmal das Spiegelbild unserer Gesellschaft.

 

Interview: Daniel Frasch

Foto: Christian Rohr

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