Assad Nouhoum: „Ich möchte Vorbild sein“

Die Geschichte von Assad Nouhoum ist außergewöhnlich und einzigartig. In der Saison 2016/17 war der heute 28-Jährige noch als Spieler in der Landesliga für den SC Oberweikertshofen aktiv, hängte dann seine Fußballschuhe aber an den Nagel und entschloss sich, lieber seine Schiedsrichter-Karriere voranzutreiben. Der eine oder andere hat ihn damals für diese Entscheidung belächelt – doch der Erfolg gibt ihm recht: Seit der Spielzeit 2022/23 leitet der in Fürstenfeldbruck geborene Nouhoum, der als Jugendspieler beim FC Augsburg auch kurz von der ganz großen Fußballkarriere träumen durfte, Spiele in der 3. Liga. Profifußball.

 

Der rasante Aufstieg Nouhoums, der beruflich als Ingenieur arbeitet, sorgt mittlerweile auch deutschlandweit für Schlagzeilen: Vom DFB wurde er kürzlich mit dem „Vorbildpreis: Der bemerkenswerte Weg“ ausgezeichnet. Im BFV-Interview spricht Nouhoum über seine steile Karriere, erklärt seine ungewöhnliche Entscheidung pro Schiedsrichterei und mahnt Rassismus als weit verbreitetes gesellschaftliches Problem an.

 

Assad, was macht aus deiner Sicht einen guten Schiedsrichter aus?


Assad Nouhoum: Authentizität ist ein großer Faktor. Wichtig ist auch, dass ein Schiedsrichter selbstkritisch ist, auch mal Fehler zugibt und nicht immer starr auf seinen Entscheidungen behaart. Man braucht ein gewisses Verständnis für das Spiel und selbstverständlich spielt auch die sportliche Facette – also die Fitness – eine Rolle. Das A und O ist aus meiner Sicht aber die Zweikampfbeurteilung, da braucht es enorm viel Fingerspitzengefühl.

 

Du scheinst das alles ganz gut drauf zu haben…

 

Nouhoum: Ich profitiere maximal von meiner früheren Spielerkarriere. Mir kommt es enorm zugute, dass ich selbst höherklassig gespielt habe, weil ich eben auch die andere Seite kenne. Deswegen habe ich aus meiner Sicht schon ein sehr gutes Spielverständnis und es gibt mir auch Selbstsicherheit in meiner Spielleitung. Ich bin kein Theoretiker, der den Fußball nur aus dem Regelbuch kennt, sondern auf dem Platz sehr praxisorientiert.


Du sprichst es selbst an: In der Jugend warst du beim FC Augsburg, später dann im Herrenbereich in der Bayern- und Landesliga aktiv. Wie kamst du mit Anfang 20 auf die Idee, die Fußballschuhe gegen die Pfeife zu tauschen?

Nouhoum: Anfangs lief das ja parallel. Irgendwann habe ich dann aber gemerkt – gerade nachdem auch noch der Beruf dazugekommen war – dass beides nicht geht.
Ich habe lange überlegt, weil es mir auch unfassbar viel Spaß gemacht hat, selbst zu spielen. Ich habe mir dann aber die Frage gestellt, was ich länger machen kann. Spieler oder Schiedsrichter?


Schiedsrichter!


Nouhoum: Genau. Die Spielerkarriere ist zeitlich eng begrenzt, bei der Schiedsrichterei gehen locker zehn Jahre mehr. Und so habe ich mich für diesen Weg entschieden, auch wenn er ungewöhnlich erscheint. Ich habe auf mein Herz gehört – und wenn man zurückblickt, war die Entscheidung sicherlich nicht so schlecht.


Das war 2017, du bist damals als Schiedsrichter in die Bezirksliga aufgestiegen.

 

Nouhoum: Ja, und irgendwie hat das dann alles seinen Lauf genommen. Ich wusste schon, dass ich kein schlechter Schiedsrichter bin. Aber dass mich mein Weg nur wenige Jahre später in den Profifußball führt, hätte ich nie für möglich gehalten. Das konnte niemand vorhersehen. Vor allem, weil neben dem Können ja auch der Faktor Glück eine Rolle spielt.

 

Ein rasanter Aufstieg. Nun wurdest du vom DFB mit dem „Vorbildpreis: Der bemerkenswerte Weg“ ausgezeichnet. Was bedeutet dir diese Ehrung?


Nouhoum: Für mich ist das sehr emotional und sehr überraschend, dass meine Leistung in diesem besonderen Rahmen honoriert wird. Das ist nicht selbstverständlich. Als ich die Nachricht bekommen habe, dass ich ausgezeichnet werde, konnte ich das zunächst gar nicht glauben…

 

Wie hast du davon erfahren?

 

Nouhoum: Dr. Markus Merk, auf dessen Initiative der Preis zurückgeht, hat mich angerufen. Ich kannte die Nummer nicht, bin aber trotzdem rangegangen. Es hat sich gelohnt!


Warum wurdest du ausgezeichnet?


Nouhoum: Ich denke es ist die Kombination aus schnellem Aufstieg und meiner früheren Spielerkarriere. Diese beiden Facetten zusammen sind schon sehr untypisch und hat es in dieser Form im Schiedsrichterbereich in Deutschland wahrscheinlich noch nicht gegeben. Das macht meine bisherige Schiedsrichter-Karriere natürlich schon ein Stück weit außergewöhnlich. Ich freue mich natürlich, dass das auch deutschlandweit so registriert wird und ich nun geehrte wurde.

 

DFB-Schatzmeister Stephan Grunwald hat in seiner Laudatio auch über dein Engagement im Kampf gegen Rassismus gesprochen.

 

Nouhoum: Ich habe selbst immer wieder Rassismus erlebt. Als Spieler, als Schiedsrichter, aber auch im Alltag. Rassismus gibt es nicht nur im Fußball, sondern in jedem Lebensbereich. Und genau deshalb darf man das Thema auf keinen Fall kleinreden und muss aktiv etwas dagegen machen. Kommunikation ist ein wichtiger Schlüssel. Man muss auf die Leute zugehen, mit ihnen sprechen, sie sensibilisieren, bewegen und motivieren. Hier möchte ich einen Beitrag leisten.

 

Ist Rassismus im Schiedsrichterbereich ein großes Problem?

 

Nouhoum: Ja. Ich kenne Leute mit Migrationshintergrund, die auch gerne Schiedsrichter sein würden, es aus Angst vor rassistischen Anfeindungen aber nicht sind. Hier möchte ich Vorbild sein und zeigen, dass es doch geht. Dass man sein Hobby unabhängig von Religion, Hautfarbe, Geschlecht, oder Herkunft ausüben kann.

 

Unabhängig von Rassismus: Schiedsrichter haben’s oft nicht leicht. Woran hakt’s?

 

Nouhoum: Aus meiner Sicht mangelt es an Respekt, Akzeptanz und Wertschätzung – und ich habe auch das Gefühl, dass bei den Vereinen das Interesse für den Schiedsrichterbereich zum Teil sehr gering ist. Das sollte aber eigentlich nicht sein, schließlich sind Schiedsrichter für die Aufrechterhaltung des Spielbetriebs existenziell. Auch hier braucht es mehr Kommunikation, insbesondere zwischen Schiedsrichtern und Vereinen.

 

Du selbst warst 2019 eines der Gesichter bei der großen BFV-Schiedsrichter-Kampagne „Wir regeln das!“. Hat die Kampagne aus deiner Sicht etwas bewirkt?

 

Nouhoum: Auf jeden Fall! Ich denke, dass viele durch die Kampagne zum ersten Mal wirklich intensiv darüber nachgedacht haben, was es eigentlich heißt, Schiedsrichter zu sein. Es gab ja auch Badges für die Ärmel der Schiedsrichter-Trikots mit dem Slogan „Wir regeln das“. Da hat sich dann auch der eine oder andere Zuschauer gefragt, was hinter diesem Motto steckt und sich darüber informiert. Das Feedback, das ich bekommen habe, war auf jeden Fall durchweg positiv!

 

Wie kam es eigentlich dazu, dass du deinen Schiedsrichterschein gemacht hast?

 

Nouhoum: Das war 2009. Als Spieler habe ich mich öfter mal über Schiedsrichterentscheidungen aufgeregt. Mein Vater hat dann gesagt, dass ich es selbst doch mal ausprobieren soll – und so habe ich mit einem guten Freund einen Neulingskurs gemacht und angefangen zu pfeifen. Ich habe das dann zwar noch einmal unterbrochen, weil ich als Spieler ja auch einigermaßen erfolgreich war. Aber als ich mit dem Profifußball abgeschlossen und ein Studium begonnen hatte, ist die Schiedsrichtergruppe Ammersee wieder auf mich zugekommen und hat mich gefragt, ob ich nicht wieder einsteigen möchte. Das habe ich getan.

 

Wieso würdest du es jungen Menschen empfehlen, eine Karriere als Schiedsrichter zu starten?

 

Nouhoum: Schiedsrichter zu sein, ist eine Schule fürs Leben. Man wächst als Mensch und als Persönlichkeit, man nimmt so viel mit. Man muss Entscheidungen treffen und lernt Dinge, die einem auch für das Leben außerhalb des Platzes weiterhelfen.

 

Wohin wird dich deine Reise als Schiedsrichter in den kommenden Jahren führen?

 

Nouhoum: Das müssen andere entscheiden. Ich denke von Spiel zu Spiel und versuche, jede Minute auf dem Platz einfach zu genießen. Ich liebe und lebe den Fußball – egal ob als Spieler oder Schiedsrichter. Und das versuche ich auch zu zeigen!

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